Sicherheitsschuhe S1, S2, S3, S4, S5: Welche Norm wann zwingend ist

Sicherheitsschuhe S1, S2, S3, S4, S5: Welche Norm wann zwingend ist

Von der Redaktion
Veröffentlicht: 11. Juni 2026
Lesezeit: 7 Minuten


Wer in Deutschland Sicherheitsschuhe für seinen Betrieb einkauft, stößt sofort auf die Kennzeichnungen S1, S1P, S2, S3, S4 und S5. Diese Klassen sind in der harmonisierten Norm EN ISO 20345 festgelegt, die zuletzt in der Fassung von 2022 aktualisiert wurde. Wer die Klassen verwechselt, riskiert nicht nur Bußgelder bis 100.000 Euro nach dem PSA-Durchführungsgesetz, sondern auch Versicherungsausschluss im Schadensfall. Dieser Beitrag erklärt, welche Klasse für welchen Arbeitsplatz zwingend ist und wo die Unterschiede im Detail liegen.

Die Grundlage: EN ISO 20345

Die Norm EN ISO 20345 definiert die Mindestanforderungen an Sicherheitsschuhe in der Europäischen Union. Sie ist eine harmonisierte Norm zur PSA-Verordnung (EU) 2016/425 und gilt für Schuhe, die einen Zehenschutz mit Schlagprüfung von mindestens 200 Joule aufweisen. Alles unter 200 Joule fällt unter Berufsschuhe (EN ISO 20347) oder Schutzschuhe (EN ISO 20346), nicht unter Sicherheitsschuhe.

Die Klasseneinteilung erfolgt nach drei Faktoren: Material (Leder/Textil oder Polymer), Zusatzmerkmale und Sohlenausstattung. Die DGUV-Information 212-007 liefert die branchenspezifischen Empfehlungen.

S1: Geschlossene Räume, trockene Böden

S1 ist die einfachste Sicherheitsschuh-Klasse. Sie umfasst:

  • Zehenschutz 200 Joule
  • Geschlossener Fersenbereich
  • Antistatik (A)
  • Kraftstoffbeständige Sohle
  • Energieaufnahme im Fersenbereich (E)

S1-Schuhe sind aus Leder oder anderen atmungsaktiven Materialien gefertigt, aber nicht wasserdicht. Sie eignen sich für Innenräume mit trockenen Böden: Werkstätten, Montagehallen, Lagerräume mit konditionierter Luft, leichte Logistik.

Typische Branchen: Mechanische Werkstätten, Lager mit Trockenware, Industriemontage in temperierten Hallen.

S1P: Wie S1, plus Durchtrittschutz

S1P erweitert S1 um einen Durchtrittschutz (P) in der Sohle. Das ist eine textile oder metallische Einlage, die gegen Nägel und scharfe Gegenstände schützt.

Wichtig: Die Norm EN ISO 20345:2022 differenziert beim Durchtrittschutz zwischen Metalleinlage (PL für „perforation resistant, large surface“) und textiler Einlage (PS für „small surface“). Die textile Variante ist leichter und flexibler, schützt aber nur gegen größere Spitzen ab 3 Millimeter Durchmesser.

Typische Branchen: Lager mit Holzpaletten und Nagelrisiko, Recyclingbetriebe, Abbrucharbeiten in Innenräumen.

S2: Wie S1, plus Wasserdurchtritt-Beständigkeit

S2 umfasst:

  • Alle Eigenschaften von S1
  • Wasserdurchtritt- und Wasseraufnahme-Beständigkeit (WRU oder vergleichbare Anforderung nach EN ISO 20345:2022)

S2-Schuhe sind kein wasserdichter Stiefel, aber sie halten Spritzwasser und kurzzeitigem Bodenwasser stand. Das ist für viele Bereiche der Lebensmittelproduktion, Reinigung und teils im Gesundheitswesen entscheidend.

Typische Branchen: Lebensmittelproduktion, Großküchen, Wäschereien, Pharmaproduktion.

S3: Der Baustellen-Standard

S3 kombiniert die Eigenschaften aus S2 mit Durchtrittschutz und einer profilierten Laufsohle:

  • Alle Eigenschaften von S2 (inklusive Wasserdurchtritt-Beständigkeit)
  • Durchtrittschutz (PL oder PS)
  • Profilierte Laufsohle für besseren Grip auf unebenem Untergrund

S3 ist die meistverkaufte Klasse im Bauhandwerk und in der Außenlogistik. Wer auf einer Baustelle arbeitet oder regelmäßig im Freien Lasten bewegt, braucht praktisch immer S3.

Typische Branchen: Hochbau, Tiefbau, Garten- und Landschaftsbau, Außenlogistik, Spedition.

S4 und S5: Vollgummi-Stiefel für Nassbereiche

S4 ist ein Sicherheitsschuh aus Polymer (Gummi oder Kunststoff), der vollständig wasserdicht ist und alle S1-Anforderungen erfüllt. S5 geht noch einen Schritt weiter:

  • Alle Eigenschaften von S4
  • Durchtrittschutz
  • Profilierte Sohle

S4- und S5-Schuhe sind die klassischen Sicherheitsstiefel für extrem nasse oder schmutzige Arbeitsumfelder.

Typische Branchen: Schlachtbetriebe, Fischverarbeitung, Bauunternehmen mit Betonarbeiten, Galvanik, Kanalbau, Landwirtschaft.

Welche Klasse ist Pflicht?

Die Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz § 5 ist die Grundlage. Der Arbeitgeber muss prüfen, welchen Risiken Mitarbeitende ausgesetzt sind, und auf dieser Basis die passende Klasse wählen. Die DGUV-Information 212-007 listet branchenspezifische Empfehlungen:

  • Baustellen mit Nagelrisiko: mindestens S3
  • Lebensmittelproduktion mit Nasszonen: S2 oder S4
  • Mechanische Werkstatt ohne Wasser: S1 oder S1P
  • Lager mit Palettenbetrieb: S1P oder S3
  • Kanal- und Betonbau: S5

Wer Sicherheitsschuhe beschafft, sollte die Konformitätserklärung nach EU-Verordnung 2016/425 direkt im Produktdatenblatt herunterladen können. Spezialisierte B2B-Online-Shops für Arbeitsschutz wie Berufskleidung24.de halten diese Dokumente für jede Sicherheitsschuh-Position vor und bündeln sie pro Bestellung in einem Lieferschein-Anhang. Markenpartner wie ABEBA, Puma Safety, ELTEN, Atlas und Steitz Secura haben ihre Konformitätsdokumentation seit 2024 vollständig auf die 2016/425-Logik umgestellt. Für die meisten Arbeitgeber ist die korrekte Klassenwahl wichtiger als der Stückpreis: Ein S1-Schuh in einer Nassumgebung ist nicht nur unbequem, sondern verfehlt den vorgesehenen Schutz und kann im Schadensfall zu Versicherungsausschluss führen. Die Berufsgenossenschaft prüft im Unfallhergang regelmäßig, ob die getragene PSA der branchenspezifischen Gefährdungsbeurteilung entsprach.

Tragedauer und Wechsel

Die DGUV empfiehlt einen Schuhwechsel spätestens nach zwölf Monaten unter normalen Bedingungen. Bei schwerem Einsatz (Baustelle, Schlachtbetrieb) kann die tatsächliche Tragedauer auf sechs Monate sinken. Sichtbare Beschädigungen an Sohle, Kappe oder Obermaterial führen zum sofortigen Tausch.

Was die EN ISO 20345:2022 geändert hat

Die aktualisierte Fassung der Norm ist seit Mai 2022 veröffentlicht und wird seit 2024 in Konformitätserklärungen verbindlich. Die wichtigsten Änderungen:

  • Klarere Trennung zwischen Metall- (PL) und Textil-Durchtrittschutz (PS)
  • Strengere Anforderungen an Rutschhemmung, ersetzt durch die neue SR-Bezeichnung statt der alten SRA/SRB/SRC-Stufen
  • Neue Kennzeichnung für Knöchelschutz (AN) und Schnittschutz im Obermaterial (CR)
  • Stärkere Marktüberwachung durch erweiterte Pflichten der notifizierten Stellen

Wer Lagerbestände noch nach EN ISO 20345:2011 einsetzt, sollte spätestens 2026 prüfen, ob ein Umtausch auf 2022er-konforme Ware sinnvoll ist. Die alte Fassung bleibt zwar bestandsgeschützt, aber neue Bestellungen sollten nur noch nach aktueller Fassung erfolgen.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen S1 und S1P?
S1P erweitert S1 um einen Durchtrittschutz in der Sohle, der Schutz vor Nägeln und scharfen Gegenständen bietet. Sonst sind die Anforderungen identisch.

Welche Klasse brauche ich auf einer Baustelle?
Mindestens S3. Die Kombination aus Wasserdurchtritt-Beständigkeit, Durchtrittschutz und profilierter Sohle deckt die typischen Baustellenrisiken ab.

Sind Sicherheitsschuhe steuerlich absetzbar?
Für Arbeitnehmer als Werbungskosten anrechenbar, soweit sie zwingend für die berufliche Tätigkeit notwendig sind und nicht vom Arbeitgeber gestellt werden. Für Arbeitgeber sind Sicherheitsschuhe als Betriebsausgabe vollständig absetzbar.

Welche Strafen drohen, wenn ich keine geeigneten Schuhe stelle?
Bußgelder bis 100.000 Euro nach dem PSA-Durchführungsgesetz. Im Unfallhergang Versicherungsausschluss und persönliche Haftung der Geschäftsführung möglich.

Was bedeutet die SR-Kennzeichnung in der neuen Norm?
SR ersetzt die alten SRA-, SRB- und SRC-Stufen zur Rutschhemmung. Die Prüfung erfolgt auf Keramikböden mit Reinigungsmittel und auf Stahlboden mit Glyzerin. Schuhe mit SR-Kennzeichnung erfüllen beide Tests.

Wie erkenne ich eine konforme CE-Kennzeichnung?
Bei Sicherheitsschuhen der Kategorie II muss der CE-Markierung die vierstellige Nummer der notifizierten Stelle direkt folgen. Eine bloße CE-Markierung ohne Nummer deutet bei Kategorie-II-PSA auf ein nicht-konformes Produkt hin.


Quellen: EN ISO 20345:2022; DGUV-Information 212-007; Verordnung (EU) 2016/425; PSA-Durchführungsgesetz; Arbeitsschutzgesetz § 5; PSA-Benutzungsverordnung; BAuA Leitfaden Sicherheitsschuhe 2024.

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